Die Mauer ist offen

Ostberliner strömen nach Westberlin (c) picture-alliance/dpa Ostberliner strömen am 10. November 1989 nach Westberlin (© picture-alliance/dpa) "Wahnsinn!" – bis heute klingt der Freudenschrei der Menschen nach, die am Abend des 9. November 1989 den Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße überqueren können. Auch die nächtlichen Bilder von der Mauer am Brandenburger Tor, auf der Hunderte stehen und feiern, sind unvergesslich. Endlich ist die Mauer wieder offen – 28 Jahre, nachdem das SED-Regime sie handstreichartig errichten ließ, um eine weitere "Abstimmung mit den Füßen" zu verhindern.

Es ist der Abend des 9. November 1989. Noch ist die Welt, noch ist Deutschland in Ost und West geteilt. Eine unüberwindliche Mauer trennt Berlin in zwei Teile. Seit über 28 Jahren.

Doch der Druck der friedlichen Demonstrationen und der Massenflucht der letzten Monate zeigt Wirkung. Das SED-Politbüro beschließt Regelungen für die freie Ausreise und für Besuchsreisen. Am nächsten Morgen sollen die neuen Bestimmungen über die Nachrichtenagentur ADN verbreitet werden.
Als Politbüro-Mitglied Günter Schabowski gegen 18:45 Uhr vor die Presse tritt, erwarten die Journalisten Näheres zu diesen Beschlüssen. Welche "Reiseerleichterungen" sind konkret geplant? Wen betreffen sie?

"Ab sofort!"

Auf die Frage eines westdeutschen Korrespondenten, wann die neue Reiseregelung in Kraft treten soll, sagt Schabowski: "Ab sofort." Da ist es kurz vor 19:00 Uhr. Die Journalisten stürmen in ihre Büros und informieren ihre Redaktionen. Die Sensationsmeldung geht in Minutenschnelle um die Welt: Die Mauer ist offen, die Menschen in der DDR können in den Westen fahren!

In Ost-Berlin verfolgen viele Menschen die Pressekonferenz im Fernsehen. Als die Nachricht von den westlichen Rundfunk- und Fernsehstationen bestätigt wird, ziehen mehrere Tausend zu den Grenzübergängen und fordern die sofortige Öffnung. Zu diesem Zeitpunkt sind die Grenzsoldaten noch gar nicht über das neue Reisegesetz informiert. Es hätte dort leicht zu Gewaltakten und Blutvergießen kommen können. "Das war eine gefährliche Situation", erinnert sich Günter Schabowski später in einem Interview. "Deswegen sage ich immer: Das eigentliche Wunder des 9. November bestand darin, dass es nicht zu dieser blutigen Eskalation gekommen ist."

Stempel im Personalausweis

Als erstes öffnen die Grenzer unter dem Ansturm der Massen um 21:20 Uhr den Grenzübergang an der Bornholmer Straße. Noch werden die Ausreisenden kontrolliert und ihre Personalausweise ungültig gestempelt. Nach ersten Reportagen des Radiosenders RIAS über offene Grenzübergänge sammeln sich immer mehr Menschen an den Übergängen. Bis Mitternacht sind schließlich alle Grenzübergänge im Berliner Stadtgebiet geöffnet, Tausende Ost-Berliner drängen in den Westen und werden dort mit unbeschreiblichem Jubel empfangen. Am Brandenburger Tor und auf dem Kurfürstendamm gibt es einen großen Volksauflauf, die Menschen liegen sich in den Armen. Ganz Berlin feiert tagelang.

Als die Nachricht um 20:30 Uhr im Deutschen Bundestag in Bonn eintrifft, unterbrechen die Abgeordneten ihre Sitzung und stimmen spontan die Nationalhymne an.

Eine der perfektesten Sperranlagen hatte Berlin, hatte Deutschland und Europa zerschnitten. Mit ihrem Fall und dem Zusammenbruch des DDR-Regimes ist auch die Teilung Deutschlands überwunden. Viele hatten es nicht mehr zu hoffen gewagt. Am Tag der Wiedervereinigung, dem 3. Oktober 1990, beginnt knapp ein Jahr später ein neues Kapitel der deutschen Geschichte.

Ausschnitt aus der Pressekonferenz von SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 in Berlin

Schabowski: [...] Allerdings ist heute, soviel ich weiß (blickt bei diesen Worten zustimmungsheischend in Richtung Labs und Banaschak [neben ihm – d.Red.]), eine Entscheidung getroffen worden. Es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, dass man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der stän... - wie man so schön sagt oder so unschön sagt - die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik. Weil wir es (äh) für einen unmöglichen Zustand halten, dass sich diese Bewegung vollzieht (äh) über einen befreundeten Staat (äh), was ja auch für diesen Staat nicht ganz einfach ist. Und deshalb (äh) haben wir uns dazu entschlossen, heute (äh) eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht (äh), über Grenzübergangspunkte der DDR (äh) auszureisen.

Frage: (Stimmengewirr) Das gilt ...? - Ohne Pass? Ohne Pass? (Nein, nein!) - Ab wann tritt das ...? (...Stimmengewirr...) Ab wann tritt das in Kraft?

Schabowski: Bitte?

Frage (Brinkmann, Journalist): Ab sofort? Ab ...?

Schabowski: ... (kratzt sich am Kopf) Also, Genossen, mir ist das hier also mitgeteilt worden (setzt sich, während er weiterspricht, seine Brille auf), dass eine solche Mitteilung heute schon (äh) verbreitet worden ist. Sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein. Also (liest sehr schnell vom Blatt): "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VP - der Volkspolizeikreisämter - in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen."

Frage (Ehrman, Journalist): Mit Pass?

Schabowski: (Äh) (Liest) "Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen. Damit entfällt die vorübergehend ermöglichte Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen der DDR bzw. die ständige Ausreise mit dem Personalausweis der DDR über Drittstaaten." (Blickt auf.) (Äh) Die Passfrage kann ich jetzt nicht beantworten (blickt fragend in Richtung Labs und Banaschak). Das ist auch eine technische Frage. Ich weiß ja nicht, die Pässe müssen ja, ... also damit jeder im Besitz eines Passes ist, überhaupt erst mal ausgegeben werden. Wir wollten aber ...

Banaschak: Entscheidend ist ja die inhaltliche Aussage ...

Schabowski: ... ist die ...

Frage: Wann tritt das in Kraft?

Schabowski: (blättert in seinen Papieren) Das tritt nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich (blättert weiter in seinen Unterlagen) ...

Labs: (leise) ... unverzüglich.

Beil: (leise) Das muss der Ministerrat beschließen.

Frage: Auch in Berlin? (... Stimmengewirr ...)

Frage (Brinkmann, Journalist): Sie haben nur BRD gesagt, gilt das auch für West-Berlin?

Schabowski: (liest schnell vor) "Wie die Presseabteilung des Ministeriums ..., hat der Ministerrat beschlossen, daß bis zum Inkrafttreten einer entsprechenden gesetzlichen Regelung durch die Volkskammer diese Übergangsregelung in Kraft gesetzt wird."

Frage (Brinkmann, Journalist): Gilt das auch für Berlin-West? Sie hatten nur BRD gesagt.

Schabowski: (Zuckt mit den Schultern, verzieht dazu die Mundwinkel nach unten, schaut in seine Papiere.) Also (Pause), doch, doch (liest vor): "Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin-West erfolgen."

Zitiert nach: Hertle, Hans-Hermann: Die Berliner Mauer, Berlin 2009