Die ganze Welt sah auf Berlin

Bundeskanzlerin Merkel (c) picture-alliance/dpa Bundeskanzlerin Merkel (© picture-alliance/dpa) Prominente und Zeitzeugen berichten in der Frankfurter Rundschau über den 9. November 1989 - darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hier ihre Erinnerungen:

Als die Mauer gebaut wurde, war ich zwar erst sieben Jahre alt, aber ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass wir am Freitag vor dem Mauerbau in den Wäldern um Berlin schon überall Stacheldraht gesehen haben. Deshalb war meinen Eltern klar, dass irgendetwas passieren würde. Die meisten Menschen konnten sich allerdings nicht vorstellen, dass die Stadt geteilt werden würde.

Doch dann kam der 13. August 1961, ein Sonntag: Mein Vater hielt als Pfarrer den Gottesdienst in seiner Gemeinde - ich werde nie vergessen, wie tieftraurig die Menschen waren. Schon aus meiner Kinderperspektive war mir klar: Es muss etwas Furchtbares passiert sein.

Die DDR war auf Unrecht aufgebaut, und es gab nie freie Wahlen. Neben dem SED-Regime gab es auch ein privates Leben. Wir hatten Freundschaften, wir haben gelacht und geweint wie jeder Mensch. Wir hatten mal gut und mal schlecht gelaunte Eltern, schöne Weihnachtsferien und wunderbare Urlaube. Leben bestand Gott sei Dank nicht nur aus dem Staat. Aber beispielsweise im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen kann man sehen: Wenn man auch im Privatleben eine bestimmte Grenze überschritt, dann schlug der Staat zu.

Ich habe im Lauf meines Lebens in der DDR durchaus darüber nachgedacht, einen Ausreiseantrag nach Westdeutschland zu stellen. Aber meine Bindung an Freunde, an Eltern, an Verwandte war zu groß, als dass ich meine gesamte Umwelt und Lebenswelt hätte verlassen können.

Der Fall der Mauer am 9. November 1989 war für uns in der DDR ein unbeschreibliches Ereignis. Er war der Anfang vom Ende der SED-Diktatur. Er bedeutete das Ende des Kalten Krieges. Ich selbst habe diesen Abend in Berlin miterlebt. Ich sah Schabowskis Pressekonferenz im Fernsehen und rief sofort meine Mutter an, um sie an eine alte Verabredung zu erinnern: Wenn uns die Mauer nicht mehr am Reisen hindern würde, würden wir, so sagten wir immer in meiner Familie, im Kempinski Austern essen gehen. Wir rechneten allerdings beide nicht damit, dass sich die Grenze noch am selben Abend öffnen würde.

Also ging ich wie jeden Donnerstagabend in die Sauna. Als ich zurückkam, hörte ich, der Grenzübergang Bornholmer Straße sei offen. Ich bin sofort hingelaufen und habe wie tausend andere Menschen den Grenzübergang nach Westen überquert. Ich empfand - wie alle anderen - eine unglaubliche Freude. Der Empfang in West-Berlin war sehr, sehr herzlich. In einer wildfremden Wohnung haben wir mit einer Dose Bier auf die Maueröffnung angestoßen. Dann bin ich wieder nach Hause nach Ost-Berlin gegangen.

Der 9. November 1989 - er hat mein Leben wie das aller DDR-Bürger verändert. Er hat gezeigt, dass die Hoffnung auf Freiheit nicht vergeblich sein muss. Eine großartige Erfahrung für unser ganzes Land, das seit 19 Jahren wiedervereint ist.

Quelle: Regierung-online

Glücklichster Tag der jüngeren deutschen Geschichte - Videopodcast der Bundeskanzlerin