Interview: Botschafter Scharioth zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls

09.11.2009

Sehr geehrter Herr Botschafter. Erinnern Sie sich an den 9. November 1989? Wo waren Sie und was haben Sie gemacht?

9. November 1989
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9. November 1989
(© picture-alliance/dpa)

Ich war damals bei den Vereinten Nationen in New York. Die Bilder vom Fall der Mauer habe ich zusammen mit meiner Familie abends im Fernsehen gesehen – wir waren überglücklich und lagen uns in den Armen. Am nächsten Morgen war dies das große Thema am Rande meines Ausschusses, des VN-Rechtsausschusses. Und bei einem Mittagessen mit hohen Gästen aus Europa habe ich alle mit meiner Voraussage verblüfft, dass jetzt das Thema der Einheit Deutschlands und Europas wieder auf der Tagesordnung stehe.

Haben Sie Erinnerungen an den Bau der Berliner Mauer?

Ja, ich erinnere mich ganz genau. Wir waren in den Ferien in Schleswig Holstein. Es war ein grauer Tag und mein Vater hörte den ganzen Tag bedrückt und traurig Radio. Seine Mutter, sein Bruder und seine Schwester lebten im Osten. Wir wussten genau, was der Bau der Mauer bedeutete.

Präsident Reagan hat am 1987 auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor gefordert: "Mr. Gorbachov, tear down this Wall!" Haben Sie das für realistisch gehalten?

Ehrlich gesagt nein, jedenfalls nicht auf absehbare Zeit. Aber Präsident Reagan hat mit dieser Aussage gezeigt, dass die Amerikaner Deutschland zur Seite standen. Der amerikanische Präsident hat den neuen Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion – Gorbatschow war ja erst zwei Jahre an der Macht – aufgefordert, seinen Ankündigungen von einer Perestrojka jetzt Taten folgen zu lassen. Und er hat das an der Stelle getan, die wie kein anderer Ort den Kalten Krieg und die Absurdität der Teilung Europas dokumentierte: mitten in Berlin, am Brandenburger Tor. Das war eine wichtige Ermutigung. Genauso wichtig wie der berühmte Satz von Präsident Kennedy 1963: „Ich bin ein Berliner“.

Als die Mauer fiel und Sie die Bilder der jubelnden Menschen in Berlin sahen: Haben Sie daran geglaubt, dass dies zur deutschen Einheit führen würde? Immerhin gab es Nato und Warschauer Pakt, und die beiden Teile Deutschlands waren in völlig unterschiedlichen Systemen.

Als die Mauer fiel war mir klar, dass die Deutschen wieder zusammenfinden würden. Der Weg dahin, die Form, auch der Zeitplan – alles das musste noch verhandelt werden, und wir wussten alle, dass es nicht leicht werden würde und dass wir die Hilfe unserer Freunde und Partner im Ausland brauchten. Aber nach dem Fall der Mauer stand für mich felsenfest, dass die Menschen sich nicht mehr mit einem geteilten Land abfinden würden.

Was bedeuten der Fall der Mauer und die deutsche Einheit für die deutsch-amerikanischen Beziehungen?

Reagan in Berlin, 1987
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US Präsident Ronald Reagan in Berlin, 1987
(© picture-alliance/dpa)

Der Fall der Mauer wäre ohne die Unterstützung der USA in den Jahrzehnten nach 1945 vollkommen undenkbar gewesen. Marshall-Plan, Care-Pakete, Zigtausende von GIs, die über die Jahrzehnte in Deutschland stationiert waren, Zusammenarbeit in der NATO und Sicherheitsgarantien und dann das amerikanische Engagement zur Beendigung des Kalten Krieges, die Unterstützung der deutschen Ostpolitik und die enge Zusammenarbeit bei der Formulierung der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975, die die friedliche Revolution in der DDR, in Polen, in Ungarn und der Tschechoslowakei ja erst möglich gemacht hatte. Und schließlich bei der Wiederherstellung der deutschen Einheit - meine Landsleute wissen das und sind dafür unendlich dankbar. 

Was war Ihre Aufgabe nach dem Fall der Mauer?

Viele im Auswärtigen Amt arbeiteten damals fast Tag und Nacht mit Begeisterung für das große Ziel der Wiederherstellung der äußeren Einheit Deutschlands. Ich war einer davon. Ich hatte zudem das große Glück, auch bei einigen der 2+4-Verhandlungen dabei sein zu dürfen. Amerikaner, Briten, Franzosen und Russen haben gemeinsam mit damals noch zwei deutschen Delegationen darüber verhandelt, wie die deutsche Einheit so gestaltet werden könnte, dass daraus keine neuen Spannungen in Europa entstehen und zugleich dem Freiheits- und Einheitswillen der Deutschen entsprochen werden konnte. Wir waren mit viel Einsatz und Enthusiasmus dabei, haben endlos gearbeitet, das Wort Feierabend hatte keine Bedeutung mehr. Das ich dabei sein durfte, gehört sicher zu den befriedigendsten Abschnitten meines beruflichen Lebens. Denn wir wussten damals alle, dass wir an einem großen historischen Projekt arbeiteten.

Wie haben amerikanische Freunde auf die Nachricht vom Fall der Mauer reagiert? Wurde Ihnen gratuliert? Was sind Ihre Erinnerungen?

Alle haben angerufen oder sind zu mir gekommen, um zu gratulieren. Es war tief bewegend zu sehen, dass sich meine amerikanischen Freunde von Herzen mitgefreut haben über diesen großen Augenblick in der Geschichte.  

Wie haben Ihre ostdeutschen Kollegen bei den VN reagiert? Hatten Sie eigentlich engere Kontakte? Haben Sie etwa zusammen gefeiert?

Da gab es sehr unterschiedliche Reaktionen. Viele waren mit dem Regime eng verbandelt und machten sich Sorgen um die Zukunft des Regimes. Andere haben sich verstohlen gefreut.

Sie haben große Teile Ihres diplomatischen Lebens den transatlantischen Verhältnissen gewidmet. Vor 20 Jahren, beim Fall der Mauer, waren Sie in New York. 20 Jahre später, sind Sie als Botschafter in Washington. Was empfinden Sie dabei?

Große Verbundenheit und auch Dankbarkeit gegenüber den Vereinigten Staaten. Die deutsche Geschichte hatte im 20. Jahrhundert ihre schrecklichen Abgründe. Fritz Stern hat einmal gesagt, Deutschland hat eine zweite Chance bekommen. Dass wir diese zweite Chance bekamen, ist auch ein ganz großes Verdienst der USA.  Ich werde dies nie vergessen.

Was bedeutet dies für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Bestehen sie nur aus deutscher Dankbarkeit?

Bundeskanzlerin Merkel in Washington, 2009
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Bundeskanzlerin Merkel in Washington, 2009
(© dpa - Report)

Deutschland ist dankbar. Aber Dankbarkeit ist keine Kategorie der Politik. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen haben ein festes Fundament in der Vergangenheit. Unsere Partnerschaft aber zielt auf die Zukunft. Die Bundeskanzlerin hat in ihrer bemerkenswerten Rede vor beiden Häusern des Kongresses am 3. November – wie alle Bundesregierungen vorher – den Willen Deutschlands zur Übernahme von Verantwortung unterstrichen. Deutschland und Europa sind ideale und unverzichtbare Partner für die Vereinigten Staaten. Nur gemeinsam können sie die „Mauern des 21. Jahrhunderts“ einreißen: kriegerische Gewalt, regionale Konflikte, Armut und Unberechtigkeit, die Herausforderung der offenen Gesellschaft durch extremistische Fundamentalisten, die Gefährdung unseres  Planeten durch Klimawandel sowie durch die Verbreitung von Nuklear- und anderen Massenvernichtungswaffen. Präsident Obama hat eine neue Phase der Kooperation eingeleitet. Wir sind bereit.

Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis aus dem Fall der Mauer?

An richtigen Zielen muss man festhalten, auch wenn die Hindernisse lange unüberwindbar wirken mögen. Der Fall der Mauer hat gezeigt, dass sich die Freiheit am Ende durchsetzt. Denn das System der freiheitlichen Demokratie und des Rechtsstaats wird den Bedürfnissen der Menschen am besten gerecht. Daraus können wir auch für die Zukunft Optimismus ableiten: Die Dinge können sich immer zum Guten entwickeln. Und wenn wir zusammen hart daran arbeiten, gibt es eine gute Chance, dass sie es auch tun.

© Germany.info

Interview

Botschafter Dr. Klaus Scharioth, © Deutsche Botschaft, Washington DC

Botschafter, Abteilungen und Referate der Botschaft

Botschafter Dr. Klaus Scharioth, © Deutsche Botschaft, Washington DC

Botschafter Dr. Klaus Scharioth ist der Repräsentant des Bundespräsidenten und der Bundesregierung in den USA. Er vertritt die deutschen Interessen in den USA. Die Pflege und Vertiefung der deutsch-amerikanischen Beziehungen in Politik, Wirtschaft und Kultur sind seine zentralen Aufgaben. 

Freedom Without Walls: 1989-2009

The fall of the Berlin Wall in 1989 marked the beginning of a new era in history. It was the end of the cold war, the beginning of a fully united Europe and proof that peaceful change is possible, even in the moments when it seems most unlikely.