In German: Ansprache zur Abiturfeier der Deutschen Schule New York (DSNY), White Plains, NY

May 29, 2009

Lieber Herr Dietrich,
liebe Eltern, Lehrer und Kollegen,
vor allem aber liebe Abiturientinnen und Abiturienten,


Es ist für mich – geanuso wie für Herrn Dietrich – die erste Abiturfeier an der Deutschen Schule New York (DSNY). Ich freue mich darüber, dabei zu sein. Es ist überhaupt das erste Mal, das ich nach meinem eigenen Abitur an einer Abiturfeier teilnehme. Lang ist es her. Als ich Ihre Zeugnisse unterschrieb, stellte ich fest, dass Sie alle nach dem Fall der Mauer geboren wurden, dessen 20-jähriges Jubiläum wir im November feiern. Sie lassen mich ziemlich alt aussehen. Tröstlich und beruhigend - für mich jedenfalls - ist dann doch, dass auch Sie, dass wir alle miteinander aus dem letzten Jahrhundert stammen.

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,
meine Glückwünsche kommen von Herzen. Ihre Leistungen verdienen uneingeschränkt Anerkennung: Sie sind - mindestens - zweisprachig aufgewachsen, haben wertvolle Erfahrungen in den USA gesammelt, das Abitur an der DSNY abgelegt, die einen vorzüglichen Ruf genießt, und dies in der Welt-Metropole, die mit Frank Sinatra von sich behauptet: „wer es hier schafft, schafft es überall“.

Sie sind also startklar. Bestens vorbereitet für ihren künftigen Lebenslauf. Bevor Sie jetzt abheben, sollten sie aber auch wissen: die Verantwortung der Deutschen Schule New York endet hier und heute – ebenso das relativ behütete Umfeld, in dem sie ihre bisherigen Leistungen erbrachten. Und – bei allem Respekt für sein Talent: Frank Sinatra hat seine Begabung zu allererst in bare Münze umgesetzt, an Ihre konkrete Zukunft hat er keinen einzigen Gedanken verschwendet. Ganz abgesehen davon, dass gerade in New York Investmentbanker wertvolles Kapital grob fahrlässig verschleuderten und ……den Rest kennen Sie.

Was also erwartet Sie?

In einem Jahr werden Sie wahrscheinlich gar nicht mehr wissen, an welchem Tag die heutige Abiturfeier stattfand und welche wertvollen oder weniger tauglichen Ratschläge und Empfehlungen Sie erhalten haben.
In fünf Jahren werden Sie eine erste leise Ahnung davon bekommen, dass die echten Herausforderungen in ihrem Leben oft solche sind, die unerwartet auf Sie zukommen und komplett anders sind, als Sie es sich in der Theorie vorgestellt haben - und das nicht wenige Entscheidungen zufallsbedingt sind.
In zehn Jahren sehnen Sie sich gelegentlich zurück zu ihrer Schulzeit oder lernen sie erst richtig schätzen.
Und wenn Sie sich meinem Alter nähern, fangen sie ernsthaft an zu glauben, dass früher die Preise fair waren, Politiker damals immer anständig handelten, die Welt früher noch überschaubar und in Ordnung gewesen war und ihre Eltern damals eigentlich ganz vernünftige Ansichten vertraten.

Denken sie darüber ein wenig nach. Nehmen Sie aber nicht alles zum Nennwert. Vor allem: machen sie sich keine Sorgen.

Als erstes schlage ich vor, dass Sie diesen wunderbaren Tag heute fest im Gedächtnis behalten. Erinnern Sie sich einfach daran, dass an diesem Datum – am 29. Mai – zwei bedeutende Personen geboren wurden. Oswald Spengler (1880) und John F. Kennedy (1917). Der eine prophezeite den Untergang des Abendlandes, der andere die erste Mondlandung. Beides kann man ziemlich gut behalten. Und beides steckt im figurativen Sinn in etwa die Bandbreite der Möglichkeiten ab, die vor Ihnen liegen: die Wahl ist einfach. Experimentieren Sie nicht am Abgrund. Stecken sie sich hohe Ziele. Geben Sie nicht auf, sie zu erreichen – lassen Sie sich von Ihrer Inspiration führen.

Wenn sie in fünf Jahren unvorhersehbaren Herausforderungen und Zufällen begegnen: ohne sie wäre das Leben sehr eintönig und langweilig. Zerbrechen Sie sich nicht heute den Kopf über Dinge, die niemand voraussehen kann. Sondern greifen Sie Gelegenheiten beim Schopf - und trauern sie verpassten – vermeintlichen oder echten - Chancen nicht nach. Riskieren Sie lieber einmal einen kreativen Flop, als sich träge im Durchschnitt treiben zu lassen. Im allgemeinen: bleiben Sie im Bilde und fallen Sie nicht zu häufig aus dem Rahmen.

Wenn sie in zehn Jahren an ihre Schulzeit zurückdenken, so tun Sie es mit Freude. Sie haben sehr gute Gründe dafür. Erinnern Sie sich nicht kleinlich an hie und da erlebte Ungerechtigkeiten – denken Sie an Heute. Um aber diese schöne Zeit in guter Erinnerung halten zu können, halten sie untereinander Kontakt, pflegen Sie zumindest ein wenig Ihre Freundschaften – auch über größere Distanz hinweg. Eine Handvoll echter Freundinnen und Freunde ist eine wertvolle Konstante in einer globalisierten Welt - und je älter Sie werden, desto mehr freuen Sie sich über Freundschaften, die Sie in Ihrer Jugenzeit geschlossen haben.

Und wenn Sie sich meinem Alter nähern……reden Sie sich dann wirklich ein, dass das Leben früher, in ihrer Jugend  besser war?  Glauben Sie nicht daran. Auch Markt Twain meinte es nicht wörtlich so. Im Gegenteil: gehen Sie mit ihrer Zeit, gestalten Sie Ihre Zeit - lassen sie die Zeit nicht über Sie hinweggehen. Überhaupt: Respekt, wem Respekt gebührt. Aber glauben Sie nicht alles, was man Ihnen in nächster Zeit verklickern wird. Große Worte können auch dazu dienen, sehr bescheidene Inhalte so unverständlich zu formulieren, dass Kritik bewusst erschwert oder verhindert wird. Pflegen Sie eine klare Sprache und hören Sie nicht auf zu fragen. Ernie und Bert von der Sesamstraße haben recht: wer nicht fragt bleibt dumm. Und haben Sie Mut zur Selbstkorektur. Bleiben Sie natürlich, real - verschreiben Sie sich nicht zu sehr der virtuellen Welt. Bodenhaftung ist wichtig. Surfen Sie im  Internet, cyber-space hat auch seine guten Seiten - aber ein echter Kuß ist allemal besser. Und reisen Sie - außerhalb des internets. Es bildet wirklich und Sie werden sehen, wie gut es uns trotz allem eigentlich geht.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
Sie werden aller Voraussicht nach in der nächsten Zeit einige für Ihren Lebenslauf wichtige Weichen stellen. Sie kennen in Etwa Ihre Stärken und Schwächen, Ihre Wünsche und Ziele. Auch wenn Sie noch unschlüssig sind, was Sie mit Ihrem Leben anfangen sollen, bleiben Sie noch gelassen. Solange Sie das tun, sich für die Tätigkeit entscheiden, zu der Sie sich berufen und talentiert fühlen, zu der Sie Lust, bei der Sie Spaß haben und mit dem Herzen dabei sind – so werden Sie Erfolg, Zufriedenheit, Freude und immer neue Begeisterung finden. Und wenn Sie Rat suchen – und es tut gut ihn immer wieder mal zu suchen – denken Sie daran, dass es Ihre Geschwister und Eltern, auch Ihre langjährigen Freunde sind, die auch in Zukunft am ehesten zu Ihnen halten werden, auch dann, wenn Sie unterschiedlicher Meinung sind.

Wenn ich heute zurückblicke, so wäre es das, was ich Ihnen in so kurzer Zeit als Anregung mitgeben würde.

Herzlichen Dank und alles Gute für Ihre Zukunft.

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Abitur

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