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EUROPA-USA Gegensätze ziehen sich (nicht immer) an: Warum wir eine aktive transatlantische Beziehungsarbeit brauchen Versöhnen statt spalten Die Irak-Krise hat Narben hinterlassen, auf beiden Seiten. Trotzdem brauchen Alte und Neue Welt einander. Sechs Vorschläge für die Partnerschaft. WOLFGANG ISCHINGER BOTSCHAFTER: Wolfgang Ischinger, Jahrgang 1946, vertritt Deutschland seit 2001 in Washington. Der Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder. Veröffentlichung im Rheinischen Merkur Während die regierungsamtlichen Beziehungen (wieder) gut funktionieren, stehen sich die öffentlichen Meinungen auf beiden Seiten des Atlantiks kritisch, zum Teil fast feindselig gegenüber: Nur etwa 40 Prozent der Deutschen sehen heute die USA als eine positive Macht in der Welt. Zwei Drittel der befragten Briten meinen, dass Amerika die Interessen anderer zu wenig berücksichtige. Den USA wird weithin die Fähigkeit zu moralischer und politischer Führung abgesprochen. In umgekehrter Richtung liegen die Dinge kaum besser: Europa hat in Amerika keinen guten Ruf. Europa gilt als verkrustet, reformunfähig, selbstgefällig und hoffnungslos dem sozialen Wohlfahrtsprinzip verschrieben. Die aktuelle Krise der Europäischen Union mit Meldungen über lautstarken Streit, über Richtungskämpfe und Budgetblockaden hat diesen Eindruck eher verstärkt. Ironie der Geschichte: Genau in dem Zeitpunkt, in dem das offizielle Washington die Tugenden der Europäischen Union neu entdeckt und Präsident Bush die Partnerschaft mit Europa öffentlich würdigt, sinkt Europa in eine schwere Krise. Vor allem in konservativen US-Kreisen wird Schadenfreude über das gescheiterte EU-Referendum in Frankreich und den Niederlanden deutlich. Braucht man dieses Europa überhaupt, lautet die Frage nach der Relevanz Europas für die Interessen der Weltmacht. Die Irakkrise hat Narben hinterlassen, auf beiden Seiten. Hinzu kommt, dass im letzten Jahrzehnt die Grundlage für eine bis dahin überragende, fast zwanghafte Interessenidentität zwischen Amerika und Deutschland entfallen ist: Die Notwendigkeit, Deutschland zu schützen, hat sich für die USA erledigt. Und für Deutsche ist der Wunsch, von den USA beschützt zu werden, im Wesentlichen entfallen. Die transatlantische ökonomische Interdependenz ist zwar immer stärker geworden, unsere existenzielle politische Abhängigkeit hingegen schwächer. Wir sind heute zwar sicherer – aber auch weltpolitisch uninteressanter, jedenfalls aus Sicht der USA. Die Beziehung ist also komplexer, schwieriger, unübersichtlicher geworden. Viele Amerikaner sehen trotz der schlechten Erfahrungen im Irak in der Anwendung militärischer Macht weiterhin ein probates Mittel zur Weltveränderung. Europäer sehen militärische Machtmittel nach ihren Erfahrungen im 20. Jahrhundert allenfalls als Ultima Ratio. Amerikaner lieben ihr Militär. Die amerikanische Außenpolitik ist stark militärisch geprägt und wirkt oft „militaristisch“. Die USA befinden sich seit Jahren „im Krieg“ – mit im Irak bald 2000 gefallenen und Zehntausenden von verletzten oder verstümmelten amerikanischen Soldaten. Wir Deutschen hingegen haben die Bekämpfung des Terrorismus nie als „Krieg“ definiert – darin liegt ein tiefer Unterschied, der transatlantische Abkopplungstendenzen begünstigt. Verstärkt wird dieser Unterschied dadurch, dass Washington weiterhin an der – auch in Amerika umstrittenen – Linie festhält, die Intervention im Irak sei integraler Teil einer Strategie gegen den internationalen Terrorismus. Wir stimmen zu im Fall Afghanistan, aber eben nicht im Fall Irak. Nachdem aber der transatlantische politische Streit über den Irakkrieg den Historikern überlassen worden ist, ist neuerdings die Freiheitsrhetorik des amerikanischen Präsidenten in Europa auf skeptische Kritik gestoßen. Dabei sind unsere Grundziele so unterschiedlich nicht. Vergessen wir nicht, dass unsere eigene Nationalhymne den Freiheitsbegriff bereits in der ersten Zeile beschwört. Übrigens: Die DDR-Bürger, die im Herbst 1989 mit den Zügen aus Prag in den Westen kamen, haben nur ein Wort gerufen, immer und immer wieder: Freiheit. Überlassen wir also den Freiheitsbegriff nicht den USA, als ob er für uns zweitrangig wäre oder als ob wir nicht dieselben Grundziele hätten. Notwendig ist nicht eine Debatte über das Ob, sondern über das Wie, über Prioritäten, Instrumente und Methoden einer Freiheit, Demokratie und Menschenrechten verpflichteten Außenpolitik. Stellen wir selbstbewusst unseren europäischen Ansatz zur Diskussion, ohne uns von Washington in die Defensive drängen zu lassen: Nirgendwo auf der Welt hat es in den letzten 15 Jahren so viel friedlichen Wandel gegeben wie im Zentrum Europas, mit Berlin als Symbol: tief greifender politisch-ökonomischer Wandel ohne Krieg – wir können in der Debatte über Wandel im Nahen und Mittleren Osten aus eigener Erfahrung besser mitreden als viele andere! Unterschiedliche Auffassungen gibt es nicht nur im Verhältnis zu Krieg und Frieden und zur Anwendung militärischer Macht: Das amerikanische Verständnis von Staat und Gesellschaft fußt auf persönlicher Freiheit und Eigenverantwortung. Bei uns wird demgegenüber skeptisch die Frage gestellt, ob man dem Bürger überhaupt zusätzliche Verantwortung zumuten könne oder ob nicht doch der Staat die Verantwortung für den Bürger tragen müsse. Daseinsvorsorge ist in den USA als staatliche Aufgabe nicht allseits akzeptiert, wohl aber das Produzieren von Sicherheit – nach außen und nach innen. Kurt Biedenkopf hat diese Unterschiede einmal treffend auf den Punkt gebracht, als er sagte: „In Amerika scharen sich auch die ärmeren Schichten um die Fahne, in Deutschland schart sich auch der Mittelstand um den Sozialstaat.“ Was ist das Fazit aus alledem? Die deutsch-amerikanischen Beziehungen
werden in der Zukunft nicht mehr so wie in den Zeiten des Kalten Kriegs
„selbst tragende“ Beziehungen sein, also Beziehungen, in denen
sich der Interessenabgleich aus der gemeinsamen Bedrohungsanalyse, quasi
automatisch, ergibt. Unsere Beziehungen werden in der Zukunft nur dann
gut funktionieren, wenn sie von beiden Seiten fortlaufend aktiv gepflegt
werden. Wir brauchen eine „managed relationship“. Auf Deutsch:
Hier ist transatlantische Beziehungsarbeit nötig! Dazu sechs Vorschläge. Der Westen kann sich die Infragestellung seines moralisch-politischen Führungsanspruchs nicht leisten: nicht nur wegen des Imageverlusts, sondern weil die durch gemeinsame Werte definierte Einheit des Westens dadurch bedroht wäre. Die traurige Wahrheit ist leider, dass die USA diesen Führungsanspruch – nicht nur in der muslimischen Welt – zum Teil bereits verspielt zu haben scheinen. Es ist eine Kernaufgabe der transatlantischen Gemeinschaft zu zeigen,
dass der Westen sich nicht nur zu verteidigen weiß – gegen
Terrorismus, gegen illegale Immigration, nukleare Proliferation und Drogenschmuggel.
Er muss zeigen, dass er imstande ist, „das Gute zu tun“, im
Sinne einer politisch-ethischen Verantwortung nicht nur für die transatlantische,
sondern für die globale Zukunft. Gerade in dieser Frage, in der Frage
seines Wertefundaments, darf der Westen sich keinesfalls spalten lassen. Als Partner der USA muss die Europäische Union in Washington selbstbewusster
auftreten. Über Form und Inhalt transatlantischer Gipfelbegegnungen
muss neu nachgedacht werden. Ein größerer Gegensatz als der
zwischen Auftritten des US-Präsidenten in europäischen Hauptstädten
einerseits und Besuchen europäischer Führer in Washington andererseits
ist kaum vorstellbar. Die USA präsentieren sich in Europa mit ihrer
gesamten Machtfülle, während die Führung der EU –
als Vertretung von immerhin 450 Millionen Menschen – Washington
quasi durch die Hintertür betritt. Die von uns Europäern immer wieder postulierte Augenhöhe mit den USA ist nur dann eine realistische Erwartung, wenn die EU systematisch deklaratorische Außenpolitik vermeidet und eine operative Außenpolitik entwickelt. Europäische Gipfelerklärungen ohne Konsequenzen finden in Washington weder Respekt noch Interesse. Abhilfe sollte die Figur des „Außenministers“ der EU schaffen, die im EU-Verfassungsvertrag vorgesehen ist. Solange dieses Amt nicht existiert, muss mit einer Hilfskonstruktion gearbeitet werden: eine – informelle – Rolle der „operativ“ befähigten Mitgliedsstaaten der EU, gemeinsam mit Javier Solana und der EU-Kommission. Die Verhandlungen der EU-3 mit dem Iran sind ein interessanter Testfall für eine solche operativere amerikanisch-europäische außenpolitische Zusammenarbeit, unabhängig von der Frage, ob das Verhandlungsziel, nämlich eine militärische nukleare Fähigkeit Teherans zu verhindern, erreicht werden kann. Eine „operative“ Außenpolitik der EU wird aber nur
dann funktionieren, wenn die kleineren EU-Mitgliedsstaaten daran partizipieren
können beziehungsweise nicht marginalisiert werden. Es war für
die deutsche Europapolitik stets vorteilhaft, den kleineren Mitgliedsstaaten
enge Abstimmung anzubieten, auf sie zu hören, ihr Fürsprecher
zu sein und ihre Auffassungen niemals zu ignorieren. Es erfordert erhebliche
Staatskunst, beides miteinander in Einklang zu bringen: informelle Führung
durch einige und politische Partizipation aller, jenseits aller vertraglichen
Stimmrechte und Abstimmungsmodalitäten. Stagniert Europa, so stagniert auch der Einfluss Europas. Wächst
unsere Wirtschaft, wächst auch unsere Macht: So einfach ist das,
gerade aus Washingtoner Sicht. Unter diesem Blickwinkel verdient die Fortsetzung
und weitere Verstärkung einer entschlossenen ökonomischen Reformagenda
Unterstützung nicht nur aus wirtschaftspolitischen Gründen.
Sie liegt auch in unserem außenpolitischen Interesse, gerade auch
gegenüber den USA. Europäische Außenpolitik ohne transatlantische Abstimmung ist immer eine Außenpolitik, die die politische Einheit der EU aufs Spiel setzt. Hier ist kreatives Nachdenken über neue Formen der Verschränkung der Zusammenarbeit zwischen Nato und EU gefragt. Die Bundesregierung hat im Lauf der letzten Monate verschiedene Vorschläge zur Aufwertung der Nato als strategischem Diskussionsforum und zur Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Nato und EU unterbreitet, etwa durch gemeinsame Ministertreffen. Institutionell könnte man noch einen Schritt weitergehen und über
eine „Mitgliedschaft“ der Europäischen Union als solcher
in der Nato nachdenken. Mit der EU am Tisch wäre die notwendige permanente
Gesamtabstimmung zwischen Amerika und Europa in systematischerer Weise
möglich als bisher – informell sitzt die EU ja auch heute schon
dabei. Interessant erscheint auch der Vorschlag, künftige Nato-Gipfel
zusammen mit US-EU-Gipfeln zu organisieren und beide dadurch aufzuwerten.
Ein solcher „Doppelgipfel“ könnte bereits 2006 stattfinden.
Wir Deutschen sollten aber lernen, den notwendigen Blick zurück stärker durch vorwärts gerichtete Visionen und klare Zielsetzungen zu ergänzen. Um nicht missverstanden zu werden: Es kann nicht um das Vergessen der Schrecken von Krieg, Diktatur und Holocaust gehen. Das darf gerade für Deutsche keine Option sein. Aber wir brauchen positive Zielsetzungen. Aus dem Washingtoner Blickwinkel möchte man sich ein zukunftsbegeistertes
Deutschland wünschen, das auch angesichts knapper gewordener Ressourcen
bereit ist, in Europa und in der Welt mitverantwortlich zu führen
und zu gestalten. Es schadet nicht, wenn wir uns dabei ein ganz klein
wenig vom Zukunftsoptimismus und von der Bereitschaft zur Eigenverantwortung
unserer amerikanischen Partner inspirieren lassen.
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