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Integration im Mädchentreff

Atena (l.) stammt aus Afghanistan, Natali aus Syrien. Beide wohnen jetzt in Leipzig.

Atena (l.) stammt aus Afghanistan, Natali aus Syrien. Beide wohnen jetzt in Leipzig., © Thomas Rötting

27.02.2018 - Artikel

Zwei Mädchen sind mit ihren Familien aus Syrien und Afghanistan nach Deutschland geflohen. Sie gehen hier zur Schule, lernen Deutsch.

Was ist wirklich? Was ist schön? Eine Gruppe Mädchen schaut sich ein Video an, in dem eine Frau geschminkt wird. Auf dem Tisch neben ihnen liegt eine selbstgebastelte Collage. Hier geht es nicht um die neueste Mode. Die Mädchen nehmen an einem Workshop teil. So wie auf den Werbebildern sehen Frauen normalerweise nicht aus, lautet die Botschaft. Es ist Montagnachmittag. Wir sind zu Gast im Interkulturellen Mädchentreff MiO im Leipziger Osten.


"Menschen aus 40 Ländern leben in diesem Stadtteil - aus Russland, der Türkei, Syrien, Rumänien. 41,8 Prozent der Einwohner sind Migranten. Ein soziales Schwerpunktgebiet", sagt Christine Rietzke. Sie ist Geschäftsführerin der Frauenkultur Leipzig, die den Mädchentreff betreibt. MiO steht für "Mädchen im Osten". Die Einrichtung ist eine Anlaufstelle für Mädchen ab sechs Jahren, mit und ohne Migrationshintergrund. Manchmal kommen 25 Mädchen, heute sind es elf.


Zwischen Traum und Wirklichkeit

Atena Sultani ist 14, stammt aus Afghanistan. Als sie vor eineinhalb Jahren nach Deutschland kam, hatte sie keine Vorstellung davon, was sie erwartet. In den Mädchentreff geht sie nach der Schule. "Mir gefällt es in Leipzig. Aber die Leute hier verhalten sich anders als in Kabul. Die Schule ist anders. Ich habe nicht viele Freunde. Manchmal ist mir langweilig", erzählt sie.

Die 17-jährige Natali Alshehawie ist in Syrien aufgewachsen und seit drei Jahren in Deutschland. Sie erinnert sich, wie es war, hierher zu kommen: "Ich dachte, dass es ein Traum ist, hier zu sein. Aber als ich das erste Mal die Straße entlang gelaufen bin, habe ich mich fremd gefühlt." Natali ist fröhlich und offen, trotzdem fällt es ihr schwer, in Leipzig Freunde zu finden. Eine Dolmetscherin hat ihr von MiO erzählt.


Mädchen unter sich

Bei den drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen im MiO finden Atena und Natali ein offenes Ohr für Fragen, Probleme und Ideen. "Alle sind so nett zu uns", sagen beide. Wenn sie möchten und es zeitlich passt, können die Mädchen backen, die Computer nutzen oder tanzen – alles ohne Jungs, die sind hier tabu. Die Mädchen finden das nicht schlimm, im Gegenteil, sie sehen es als Freiheit, weniger Rücksicht nehmen zu müssen.

Wenn man die Mädchen aus konservativen muslimischen Familien erreichen will, ist es entscheidend, dass die Mädchen unter sich sind. Ein Jugendtreff mit Jungs wäre ein Problem, erzählt Rietzke. Aber auch nicht-muslimische Eltern sind beruhigt, wenn die Mädchen gut behütet sind.


Wir diskutieren viel

Die Mädchen nutzen die Hausaufgabenbetreuung und lernen Deutsch. Atena hat ihre Geografie-Hefte mitgebracht und zeigt der Pädagogin Almke Oncken Karten mit Flüssen und Gebirgen in Deutschland. In einem Atlas schlagen sie die Seite mit einer Karte Afghanistans auf, vergleichen die Landschaft. Wenn es in der Schule um Themen wie den Nationalsozialismus geht, erklären die Betreuerinnen auch schon mal die geschichtlichen Zusammenhänge. Überhaupt wird viel diskutiert im MiO - auch über die Frage, warum einige Mädchen Kopftuch tragen und andere nicht.


Erfahren, verstehen, wissen

Wie funktioniert hier Integration? Spracherwerb wird groß geschrieben, auch der Umgang miteinander. "Sie sollen den Alltag erfahren. Wissen, was sie tun. Die Dinge verstehen.", fasst Christine Rietzke den Ansatz zusammen. Das gelte auch für den Weg in einen Beruf. "Viele Mädchen wollen Ärztinnen werden, möchten studieren. Sie wissen aber nicht, was studieren in Deutschland heißt. In Syrien heißt studieren, einen Beruf zu lernen", so Rietzke weiter.


Eine Zukunft in Deutschland?

Atena geht auf die Oberschule, in die 6. Klasse. Sie will ihr Deutsch weiter verbessern. Im Moment sucht die Familie eine Wohnung. Natali besucht die Berufsschule, Fachrichtung Pflege. Sie würde gerne Apothekerin werden. Ob sie diesen Weg in Deutschland gehen wird, bleibt abzuwarten. Sie vermisst ihre Heimat, die Verwandten, das gemütliche abendliche Zusammensitzen vor der Haustür. Sie möchte eine Ausbildung machen und irgendwann zurückkehren nach Syrien, wenn dort nicht mehr gekämpft wird.

Quelle: Bundesregierung

Weitere Informationen

Atena (l.) stammt aus Afghanistan, Natali aus Syrien. Beide wohnen jetzt in Leipzig.
Atena (l.) stammt aus Afghanistan, Natali aus Syrien. Beide wohnen jetzt in Leipzig.© Thomas Rötting
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